Hidden Faces – Zwischen Erscheinung und Auflösung
Mit dem monumentalen Triptychon „Hidden Faces“ (200 × 360 cm) entfaltet Barbara Niesen ein malerisches Spannungsfeld, das sich zwischen Sichtbarkeit und Verbergung, Präsenz und Auflösung bewegt. Bereits das Format setzt ein klares Zeichen: Die Dreiteiligkeit evoziert historische Bildtraditionen – vom sakralen Altarbild bis zur modernen Rauminstallation –, ohne diese ikonografisch zu bedienen. Stattdessen wird das Triptychon zu einem offenen Wahrnehmungsraum, der den Betrachter nicht führt, sondern herausfordert.
Die Oberfläche des Werkes ist von einer vielschichtigen, nahezu sedimentartigen Malerei geprägt. Erdige Brauntöne, warme Ocker, leuchtende Gelbpartien sowie tief eingesetzte Blau- und Rotakzente bilden ein komplexes Geflecht aus Farbräumen. Diese Farben wirken nicht additiv, sondern entstehen aus Überlagerung, Abrieb und Verdichtung. Die Leinwand erscheint als ein Ort des Erinnerns: Jede Farbschicht trägt Spuren früherer Entscheidungen, jede Übermalung bewahrt das, was ihr vorausging.
Der Titel „Hidden Faces“ öffnet eine interpretative Dimension, die sich nicht in der eindeutigen Erkennbarkeit von Gesichtern erschöpft. Tatsächlich lassen sich Andeutungen von Physiognomien erahnen – Augenhöhlen, maskenhafte Formen, fragile Konturen –, doch sie entziehen sich der Fixierung. Gesichter erscheinen und verschwinden zugleich. Sie sind nicht porträthaft, sondern existenziell: weniger individuelle Identitäten als Zustände des Menschlichen.
In dieser Ambivalenz liegt die besondere Kraft des Werkes. Die Gesichter sind „hidden“, weil sie sich der vollständigen Sichtbarkeit verweigern. Sie entstehen im Übergang zwischen Farbe und Form, zwischen Zufall und bewusster Setzung. Damit knüpft Niesen an zentrale Anliegen des Art Informel an: das Vertrauen in den Prozess, die Ablehnung klarer Konturen, die Betonung des Unabgeschlossenen. Das Bild wird nicht konstruiert, sondern erarbeitet – Schicht um Schicht, Entscheidung um Entscheidung.
Die Dreiteiligkeit des Triptychons verstärkt diese Wirkung. Die einzelnen Bildfelder stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern bilden ein rhythmisches Kontinuum. Übergänge sind spürbar, ohne explizit markiert zu sein. Farbklänge wandern von links nach rechts, Verdichtungen antworten einander, Spannungen werden aufgebaut und wieder gelöst. Das Triptychon liest sich weniger als Abfolge, sondern als Gleichzeitigkeit – ein Panorama innerer Zustände.
Bemerkenswert ist dabei die Balance zwischen Monumentalität und Intimität. Trotz seiner Größe wirkt „Hidden Faces“ nicht überwältigend im physischen Sinne, sondern zieht den Betrachter in eine stille, konzentrierte Betrachtung. Die Gesichter, so verborgen sie auch sein mögen, scheinen den Blick zu erwidern. Sie sind nicht laut, nicht expressiv im klassischen Sinn, sondern von einer leisen Dringlichkeit, die aus der Tiefe der Farbschichten spricht.
Kunsthistorisch lässt sich das Werk in eine Linie stellen, die von den existenziellen Bildwelten eines Wols oder Jean Fautrier bis hin zu zeitgenössischen Positionen reicht, die das Informelle nicht als Stil, sondern als Haltung begreifen. Barbara Niesen nutzt diese Tradition nicht als Referenz, sondern als Resonanzraum. Ihre Malerei bleibt gegenwärtig, offen, suchend.
„Hidden Faces“ ist letztlich ein Bild über das Sehen selbst: über das, was sichtbar wird, und das, was verborgen bleibt. Es ist ein Werk, das keine Antworten liefert, sondern Fragen stellt – nach Identität, Erinnerung, Präsenz. In dieser Offenheit liegt seine Stärke. Das Triptychon fordert Zeit, Aufmerksamkeit und Bereitschaft zur Unsicherheit. Es belohnt diese Haltung mit einer vielschichtigen, tief berührenden Bildwelt, die lange nachwirkt.
Hidden Faces
Triptychon
Acryl auf Leinwand
200 x 360 cm
2025