Graffitage – eine neue Werkform
Mit Graffitage 1 (2026) beginnt eine neue Werkgruppe — und mit ihr ein neuer Begriff.
Graffitage ist ein Kofferwort aus Graffiti und Assemblage — und benennt eine Synthese, die in der Kunstgeschichte zwei getrennte Wege gegangen ist: die schnelle, spontane Geste des Zeichens und die langsame, materielle Schichtung des Objekts. Das Graffiti gehört der Straße, dem Moment, der Überschreibung. Die Assemblage gehört dem Atelier, der Dauer, dem gefundenen Ding. Die Graffitage führt beide zusammen: Malerei, die sich als Wand begreift — und Wand, die sich als Bild behauptet.
Graffitage 1 — das Gründungswerk
Graffiti & Assemblage auf Leinwand, 130 × 100 cm, 2026
In warmem Rot, Ocker und schimmerndem Gold schichten sich collagierte Papiere, Stoffe und Farblagen zu einer Fläche, die wie eine über Jahre beschriebene Stadtmauer wirkt. Darüber ziehen schwarze kalligrafische Schleifen ihre Bahnen — die schnelle Geste, die das langsam gewachsene Material überschreibt. Aus der Tiefe tauchen Fundstücke der Sprache auf: ein zerrissenes französisches Schild, ein kopfstehendes FOR EVER, dazwischen LOVE, PEACE, Ziffern, Pfeile, ein Friedenszeichen — Vokabeln der Straße, halb verdeckt, halb behauptet.
NIchts ist hier auslöschbar: Jede Übermalung bewahrt, was sie verbirgt, jede Schicht datiert eine Entscheidung. Das Auge liest das Bild, wie man eine Mauer liest — springend, entziffernd, nie fertig.
Warum ein neuer Begriff?
Weil die vorhandenen nicht reichen. Mixed Media sagt alles und nichts; Collage unterschlägt die Geste; Street Art unterschlägt das Material. Die Graffitage benennt präzise, was hier geschieht: Das Graffito liefert die Zeit — den Moment der Geste. Die Assemblage liefert die Dauer — das Gedächtnis des Materials. Wo beide sich durchdringen, entsteht ein Bildtypus, der weder reine Malerei noch reines Relief ist, sondern beides zugleich: gebaute Spontaneität.
Die Graffitage steht damit in einer doppelten Tradition — von den geritzten Wänden Pompejis über Cy Twombly und Jean-Michel Basquiat auf der einen, von Kurt Schwitters über die Affichisten bis Robert Rauschenberg auf der anderen Seite — und geht doch einen eigenen Weg: Wo die Décollage der 1950er Jahre die Stadtwand durch Wegnahme ins Museum holte, arbeitet die Graffitage durch Auftrag. Sie reißt nicht ab — sie schichtet auf.
Graffitage 1 ist der Anfang. Die Werkgruppe wird fortgesetzt.
Graffitage 1
Graffiti, Transfer und Assemblage, Acryl auf Leinwand
130 x 100 cm
2026
Der Begriff „Graffitage" wurde im August 2026 von der Künstlerin Barbara Timpert (Barbara Niesen) für diese Werkform geprägt und ist beim Deutschen Patentamt zur Eintragung beantragt. Erstver-öffentlichung auf dieser Seite. Werk und Text: © Barbara Niesen (Timpert) / edition-timpert.art, 2026.