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Edition Timpert

Der Zyklus „Gemischt“ – Das Offene als Prinzip

Der Zyklus „Gemischt“ entfaltet sich als ein malerisches Feld radikaler Offenheit. Bereits der Titel verweigert Eindeutigkeit: „Gemischt“ meint kein zufälliges Nebeneinander, sondern ein bewusstes Ineinander von Farbe, Bewegung, Material und Entscheidung. In dieser produktiven Unschärfe verortet sich die Werkgruppe klar in der Tradition des Art Informel, ohne diese bloß zu zitieren. Vielmehr wird das Informelle hier als zeitgenössische Haltung neu aktiviert.

Zentral ist die Dominanz der Farbe als autonomes Ausdrucksmittel. Die Bildflächen sind von intensiven Roten, leuchtenden Blau- und Grüntönen sowie warmen Gelb- und Orangeschichten durchzogen. Farbe fungiert nicht illustrativ, sondern als energetisches Ereignis. Sie erscheint geschichtet, verschoben, teilweise freigelegt oder überdeckt – ein Prozess, der an die informelle Idee des Bildes als Handlungsraum erinnert. Die Leinwand ist kein Ort der Abbildung, sondern der Austragung.

Formal verweigern sich die Arbeiten einer festen Komposition im klassischen Sinne. Zwar lassen sich Verdichtungen, Farbinseln oder ballungsartige Formen erkennen, doch entziehen sie sich einer stabilen Hierarchie. Diese Schwebe zwischen Ordnung und Auflösung ist charakteristisch für das Informel und wird in „Gemischt“ konsequent durchgehalten. Die Formen wirken organisch, fast körperlich, ohne je in Figuration umzuschlagen. Sie entstehen aus der Bewegung des Malakts selbst – nicht aus einem vorab festgelegten Bildplan.

Besonders auffällig ist die Spannung zwischen Kontrolle und Loslassen. Die Farbfelder erscheinen teils entschieden gesetzt, teils verwischt, überarbeitet oder offen gelassen. Spuren von Spachtel, Pinsel und Reibung bleiben sichtbar. Diese Sichtbarkeit des Prozesses ist ein zentrales Moment informeller Malerei: Das Bild zeigt nicht nur ein Resultat, sondern bewahrt die Erinnerung an seine Entstehung. Barbara Niesens Arbeiten machen diesen Prozess lesbar, ohne ihn zu dramatisieren.

Der Zyklus entfaltet dabei keine lineare Entwicklung, sondern ein Netz von Variationen. Jedes Bild steht für sich, zugleich antworten die Arbeiten aufeinander. Wiederkehrende Farbkonstellationen und ähnliche formale Spannungen erzeugen einen inneren Zusammenhang, der nicht narrativ, sondern atmosphärisch ist. „Gemischt“ wird so zu einem offenen System, in dem sich Wahrnehmung immer wieder neu justieren muss.

In kunsthistorischer Perspektive knüpfen die Arbeiten an zentrale Positionen des europäischen Informel an – etwa an die Material- und Prozessbezogenheit von Wols, die gestische Verdichtung eines K.R.H. Sonderborg oder die farbräumliche Offenheit eines Hans Hartung. Doch Barbara Niesen übernimmt diese Tradition nicht historisierend. Vielmehr transformiert sie sie in eine zeitgenössische Sensibilität, in der Farbe zugleich körperlich, emotional und reflexiv wirkt.

Der Zyklus „Gemischt“ behauptet damit eine Malerei, die sich der Vereinnahmung entzieht. Sie ist weder dekorativ noch illustrativ, weder expressiv im rein subjektiven Sinne noch formalistisch abgeschlossen. Ihre Stärke liegt im Dazwischen: zwischen Struktur und Auflösung, Entscheidung und Zufall, Sichtbarkeit und Überlagerung. Genau hierin liegt ihre Nähe zum Informel – nicht als Stil, sondern als Haltung gegenüber der Welt und der Malerei selbst.

Gemischt

Acryl auf Leinwand

100 x 80 cm

2025

Gemischt

Acryl auf Leinwand

100 x 80 cm

2025

Gemischt

Acryl auf Leinwand

100 x 70 cm

2025

Gemischt

Acryl auf Leinwand

80 x 60 cm

2025

Gemischt

Acryl auf Leinwand

100 x 80 cm

2025

Träumerei (aus dem Zyklus „Gemischt)

Mixed Media, Acryl auf Leinwand

100 x 80 cm

2025

Verborgene Energie (aus dem Zyklus „Gemischt“)

Acryl auf Leinwand

100 x 70 cm

2025